
Teil 1 – Mentale Gesundheit: Warum wir im 21. Jahrhundert endlich aufhören müssen zu schweigen
Vorwort: Die stille Krise
Wir leben in einer Welt voller Fortschritt.
Technologie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz. Wir führen Gespräche mit Chatbots, fliegen in den Weltraum und tracken unsere Schritte mit Smartwatches.
Aber bei einem der wichtigsten Themen unserer Zeit – der mentalen Gesundheit – tun wir oft noch so, als wäre nichts.
Als wäre das etwas für “die anderen”. Für die Schwachen. Für die, die “nicht klarkommen”.
Was für ein Trugschluss.
Mentale Gesundheit ist kein Nischenthema. Sie betrifft uns alle. Täglich. In jeder Rolle, in jedem Alter, in jedem Beruf.
Und sie entscheidet darüber, ob wir leben – oder nur noch funktionieren.
In diesem Artikel erzähle ich dir meine Geschichte.
Wie ich als gestandener Feuerwehrmann in eine schwere Depression gerutscht bin.
Wie ich – wie so viele – die Warnsignale ignorierte, weil ich sie nie gelernt hatte zu deuten.
Und warum ich heute sage:
Es ist höchste Zeit, dass wir anfangen, über mentale Gesundheit zu reden. Ehrlich. Ohne Scham. Und ohne Ausflüchte.
1. Aufgewachsen mit Stärke, nicht mit Gefühlen
Ich bin 1995 geboren, aufgewachsen in einem Umfeld, das typisch war für viele meiner Generation – besonders für Jungs.
Was zählte, waren Leistung, Disziplin, Verlässlichkeit. Gefühle? Waren Privatsache.
Psychische Gesundheit? Kam in keinem Gespräch vor. Nicht in der Schule. Nicht am Familientisch. Nicht unter Freunden.
Wir haben gelernt, stark zu sein. Durchzuhalten. Nicht zu jammern.
Und ich war gut darin.
Ich war sportlich, zielstrebig, technisch begabt. Nach meiner Ausbildung zum Mechatroniker für Betriebstechnik ging ich zur Berufsfeuerwehr. Sieben Jahre war ich im Einsatzdienst – ein Alltag voller Stress, Verantwortung, Ausnahmesituationen. Und voller Adrenalin.
Ich war jemand, auf den man sich verlassen konnte. Der in Krisen funktionierte.
Und ich war stolz darauf.
Was ich nicht merkte: Dass ich mich dabei Stück für Stück von mir selbst entfernte.
2. Funktionieren als Lebensprinzip
In vielen Systemen – ob Einsatzdienst, Gesundheitswesen, Pflege oder Business – wird genau das belohnt: Funktionieren.
Wer still leidet, gilt als stark. Wer sich keine Schwäche anmerken lässt, wird respektiert.
Und wer irgendwann nicht mehr kann? Der fällt raus. Ist krank. Ersatzweise ein Problem.
Ich funktionierte. Jeden Tag. Auch dann, wenn mein Körper längst andere Signale sendete.
Dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte.
Dass ich keine Freude mehr empfand – nicht mal bei Dingen, die mir früher wichtig waren.
Dass ich mich immer häufiger innerlich leer fühlte.
Ich redete es mir schön. „Ist nur eine Phase.“ „Bin halt müde.“ „Bisschen viel Stress.“
Ich redete mit niemandem darüber. Auch nicht mit mir selbst.
Denn ich hatte nie gelernt, meine innere Welt ernst zu nehmen.
3. Wenn mentale Gesundheit kein Thema ist, wird Krankheit zur logischen Folge
Manche Menschen wachsen in Familien auf, in denen über Gefühle gesprochen wird. Wo es okay ist, traurig zu sein. Überfordert. Fragend.
Ich nicht.
Nicht, weil meine Familie kalt oder lieblos war.
Sondern weil dieses Thema einfach nicht vorkam.
Es wurde nicht ignoriert – es war schlicht nicht vorhanden im Denken, Fühlen und Handeln.
Psychische Gesundheit? Kannten wir nicht.
Therapie? War was für Leute „mit echtem Knacks“.
Selbstreflexion? Wurde nicht gefördert – im Gegenteil.
Also blieb mir nur ein Weg: Funktionieren.
Nicht hinterfragen. Nicht hadern. Einfach weitermachen.
Das Problem: Unser Körper, unsere Psyche und unsere Seele lassen sich auf Dauer nicht verarschen.
Irgendwann kommt die Quittung.
4. Erste Warnzeichen – und warum ich trotzdem nicht an Depression dachte
Rückblickend war es ein schleichender Prozess. Ich merkte, dass sich etwas veränderte. Ich war häufiger gereizt, fühlte mich kraftlos, konnte mich zu nichts mehr richtig motivieren.
Ich war innerlich leer – das wusste ich.
Aber ich dachte nie an Depression.
Ich habe funktioniert. Und wer funktioniert, ist doch nicht krank, oder?
Ich hielt das alles für normalen Stress. Für Überforderung, die man „eben mal hat“. Ich redete es mir schön: „Wird schon wieder. Muss nur durchhalten.“
Doch innerlich entfernte ich mich immer weiter von mir selbst.
Der Körper schickte Warnsignale – aber ich hatte nie gelernt, sie richtig zu deuten.
Und dann kam der 12. März 2025.
Ein Tag, den ich nie vergessen werde.
An diesem Tag kam es zu einem psychotischen Ereignis.
Mein Verstand brach weg. Ich verlor den Bezug zur Realität.
Ein Gefühl von absolutem Kontrollverlust, von totaler geistiger Überforderung – als ob mein gesamtes System gleichzeitig die Reißleine zog.
Das war mein Super-GAU.
Da war kein Verdrängen mehr möglich. Kein Schönreden. Kein „Das geht vorbei“.
Da war nur noch Klarheit: Ich brauche Hilfe. Jetzt.
Erst dieses Ereignis hat mir vor Augen geführt, wie ernst die Lage wirklich war.
Und dass ich mir das nicht mehr selbst erklären oder wegatmen konnte.
5. Die Realität: Depression trifft nicht nur „die Anderen“
Eines der größten Missverständnisse in unserer Gesellschaft ist:
Depression trifft die, die „schwach“ sind. Die „nicht klar kommen“. Die „zu viel grübeln“.
Falsch.
Depression trifft Menschen, die jahrelang über ihre Grenzen gegangen sind.
Die sich selbst ignoriert haben.
Die emotional nie gelernt haben, was Selbstfürsorge bedeutet.
Die nie Nein sagen konnten.
Die oft für andere da waren – aber nie für sich selbst.
Die gegen ihren inneren Kern arbeiten.
So wie ich.
Ich war ein belastbarer, verantwortungsvoller, reflektierter Mensch.
Und genau deshalb war ich gefährdet. Weil ich immer mehr gegeben habe, ohne je zu prüfen, was das mit mir macht.
6. Warum wir ein gesellschaftliches Umdenken brauchen
Was mir passiert ist, passiert jeden Tag.
In Pflegeberufen. Im Rettungsdienst. In Startups. In Familien. In Schulen.
In deinem Umfeld. Vielleicht sogar in dir selbst.
Und trotzdem reden wir nicht darüber. Oder nur dann, wenn es zu spät ist.
Das muss sich ändern.
Denn mentale Gesundheit ist keine „Privatsache“. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe.
Wir brauchen:
• Offene Gespräche über Überforderung, Angst, Selbstzweifel.
• Strukturen, die Menschen nicht erst auffangen, wenn sie schon gefallen sind.
• Prävention, die verständlich ist, niedrigschwellig und wirksam.
Vor allem brauchen wir: Ehrlichkeit.
7. Warum ich heute darüber spreche
Ich teile meine Geschichte nicht, weil sie besonders ist.
Sondern weil sie exemplarisch ist.
Ich habe jahrelang nichts von all dem gewusst:
Nicht, wie man sich selbst hinterfragt.
Nicht, wie man mit Ängsten umgeht.
Nicht, wie man sich Hilfe holt, bevor es zu spät ist.
Ich musste alles auf die harte Tour lernen.
Heute weiß ich: Das war mein Weckruf. Und meine Chance.
Deshalb habe ich Hakuna Mentala® gegründet.
Nicht, weil ich perfekt bin. Sondern weil ich weiß, wie sich völlige mentale Erschöpfung anfühlt.
Und weil ich zeigen will, dass es einen Weg zurück gibt – wenn man bereit ist, ehrlich hinzuschauen.
8. Das Schweigen beenden – jetzt, nicht später
Solange mentale Gesundheit mit Scham besetzt ist, wird sich nichts ändern.
Solange wir schweigen, werden Menschen weiter im Stillen leiden.
Solange wir nicht zuhören, werden wir nichts verstehen.
Deshalb ist dieser erste Teil meiner Blogserie ein Aufruf – an dich, an mich, an uns als Gesellschaft:
Lass uns anfangen, ehrlich zu sprechen.
Nicht nur über das, was funktioniert. Sondern über das, was weh tut.
Nicht nur über äußere Leistung. Sondern über innere Zustände.
Nicht nur über Symptome. Sondern über Ursachen.
Denn nur so entsteht echte Veränderung. Und nur so entsteht Heilung.
Was dich im nächsten Teil erwartet:
In Teil 2 nehme ich dich mit auf meinen Weg in die Depression – und zeige dir, wie sie sich wirklich anfühlt.
Nicht klinisch. Nicht abstrakt. Sondern so, wie sie ist:
Verwirrend. Lähmend. Zerstörerisch. Aber auch transformierend – wenn man bereit ist, sich ihr zu stellen.
Bleib dran.
Und denk immer daran:
Funktionieren ist kein Leben.
Ehrlich sein ist der erste Schritt zurück zu dir selbst.
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